Johann Meier – Schriftenmaler und Surrealist
„Die Welt ist fantastischer, als die meisten sie sehen.“ So beschreibt Johann Meier seine Arbeit. In Folge 3 von „Mensch Eller!“ spreche ich mit dem Deggendorfer Schriftenmalermeister und surrealistischen Künstler über ein Leben zwischen Werkstatt und Atelier.
Meier, Jahrgang 1944, stammt aus Salzweg bei Passau. Nach der Lehre als Schriftenmaler in Straubing und der Meisterschule für Farbe und Gestaltung in München machte er sich 1974 in Deggendorf selbstständig. Im selben Jahr wandte er sich dem Surrealismus zu.
Handwerk, das zur Kunst wurde
Schriften von Hand malen — in Zeiten von Folie und Digitaldruck ist das fast selbst schon eine Kunstform. Meier erzählt, wie sich sein Handwerk über fünf Jahrzehnte verändert hat und was von der alten Technik geblieben ist.
Woher die Bilder kommen
Seine Arbeiten entstehen nach eigener Beschreibung aus spontanen Bildvisionen, die er sofort als Skizze festhält, bevor sie wieder verschwinden. Ausgeführt werden sie dann als Bleistiftzeichnung, Ölbild oder Acryl-Aquarell, in gegenständlicher Präzision.
Von Deggendorf nach Paris
Meiers Werke waren unter anderem im Haus der Kunst in München zu sehen, im Phantastenmuseum Wien und im Grand Palais in Paris. 2013 wurde er ins Internationale Lexikon der Phantastischen Künstler aufgenommen, 2015 erhielt er in Rom die Trofea Medusa Aurea in Silber.
Ausschnitte aus dem Gespräch
Worüber wir gesprochen haben
00:00 — Ein Urgestein im Atelier
Stefan Eller besucht Johann Meier in dessen Deggendorfer Atelier mit angeschlossener Galerie. Meier ist zu diesem Zeitpunkt 82 Jahre alt.
01:20 — Nichts davon war geplant
Haus der Kunst, Grand Palais in Paris: Meier sagt, das habe sich ergeben, geplant war es nie. Gezeichnet hat er immer, aber der Beruf kam zuerst, die Kunst lief nebenher.
02:30 — Lehre mit 14 in Straubing
Drei Jahre Ausbildung zum Schriftenmaler bei einem akademischen Kunstmaler in Straubing. Der Chef malte selbst und ließ ihn bei Wandmalereien mitarbeiten — daraus entstand das Interesse an Kunst.
05:00 — Meisterschule und Goldmedaille
Nach der Gesellenprüfung blieb Meier insgesamt zehn Jahre im Ausbildungsbetrieb, arbeitete danach zwei Jahre in München und ging anschließend auf die Meisterschule. Bei der Meisterprüfung erhielt er die Goldmedaille als bester Meister Oberbayerns.
07:10 — 1974: eigener Betrieb, mitten in der Ölkrise
Gegründet zusammen mit Ehefrau Marie-Luise, die das Büro machte und in der Werkstatt mit anpackte. Der Start fiel in die Ölkrise — Kunden zahlten Rechnungen nicht. Ein Jahr später kam der erste Lehrling, in der Spitze arbeiteten 17 Leute im Betrieb.
09:10 — Busse für Japan, Russland und den Wahlkampf
Durch die Nähe zum Omnibusbau von Neoplan entwarf der Betrieb Außenlackierungen und Beschriftungen — bis nach Japan, Amerika und Russland. Dazu Wahlkampfbusse für Stoiber, Waigel und Merkel sowie ein Fanbus mit Schumacher-Porträt. Das Designbüro in Pilsting schloss, als Neoplan an MAN verkauft wurde.
12:10 — Vom Impressionismus zum Surrealismus
Über die alten Meister und den Impressionismus kam Meier zum Fantastischen. Die Präzision aus dem Handwerk lief mit — ohne beherrschte Zeichnung und Geduld funktioniere der Stil nicht.
14:00 — Wie ein Bild entsteht
Spontane Bildvisionen, sofort als Bleistiftskizze festgehalten, teils mit Farbnotizen. Manche liegen ein Jahr, bevor er sie ausführt — rund 50 bis 60 Ideen warten noch. Umgesetzt sind etwa 180 bis 190 Bilder, meist in Öl.
20:00 — Der Betrieb geht weiter
Seit 2007 führen Tochter Karin Meier-Eisenrauch und Schwiegersohn Meinhard das Unternehmen. Sie kümmern sich um Entwürfe, Termine und Onlineauftritt und arbeiten bundesweit für Mercedes, MAN und Iveco.
22:00 — Die Nische: Oldtimer
Wer ein originalgetreu restauriertes Fahrzeug hat, will keine Klebefolie. Brauerei-Lastwagen, alte Stoffplanen, Speditionsfahrzeuge — Meier beschriftet sie weiterhin mit Pinsel und Lack. Es gibt kaum noch jemanden, der das kann.
23:20 — 46 Meter Schrift, mit Pinsel und Augenmaß
Die größte Arbeit: der Schriftzug „Bayerwald Konserven“, sechs Meter hoch, 46 Meter lang. Vorgezeichnet mit einem Kohlestift an einem vier Meter langen Stock, per Augenmaß; die Blockbuchstaben mit der Schnürschnur abgeschnürt. Eine Woche, zwei Mann.
26:20 — Was vom Handwerk übrig ist
Die Ausbildung dauert weiterhin drei Jahre, läuft aber fast vollständig über Plotter und Drucker. Vergoldung wird in der Berufsschule nur noch gestreift. Meiers Rat an Berufsanfänger: Gespür für Farben und Formen mitbringen — und mit dem Computer umgehen können.
29:50 — 26 Lehrlinge
Meier hat im Lauf der Jahre 26 Auszubildende ausgebildet. Seine Beobachtung: Die Frauen hatten durchweg die besseren Berufsschulzeugnisse.
31:30 — Vorbilder und ein Rat
Sein erster Meister förderte ihn nicht nur fachlich. Später war es Hermann Eller — Stefans Großvater —, der ihm half, Käufer fand und ihm zeigte, wie man sich als Künstler verhält. Meiers Regel: nicht neidisch sein.
35:30 — Ernst Fuchs, Arik Brauer und eine vergebliche Reise zu Dalí
Begegnungen mit zwei Größen der phantastischen Malerei bei Vernissagen in Straubing. Und die Geschichte einer Zugfahrt nach Paris um 1980: Dalí sollte im Centre Pompidou eine Ausstellung eröffnen — und sagte kurzfristig ab.


